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Voyage à Cottbus / Bautzen
Reise nach Cottbus / Bautzen

Programme (FR)
Programme (DE)


Photos Ines et Claude Ritter

Photos Anne-Charlotte Cartier

Photos Barbara Tscharner

Photos Hans Ulrich Bosshard


 

« Sorbisch » was ist das wohl? – persönliche Impressionen einer Reise (Télécharger)

 

Werden sich die meisten Leserinnen und Leser fragen, es sei denn sie haben schon die herrlichen Aufführungen des Sorbischen National-Ensembles auf ihren Tourneen in der Schweiz und anderswo geniessen können. Aber selbst hier haben sich die wenigsten gefragt, was hinter diesem Begriff stecken könnte. Dabei ist es für uns äusserst lehrreich und für das Sorbische ebenso nützlich, ja notwendig, sich damit auseinander zu setzen. Eine vor kurzem unternommene Reise im Rahmen der APEPS (Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des mehrsprachigen Unterrichts in der Schweiz), hat einigen von uns erlaubt diese faszinierenden Landstriche zu entdecken und die Problematik des Sorbischen ein wenig besser zu verstehen.

Zur Geografie des Siedlungsgebiets der Sorben

Sicher sagen Ihnen die aus den deutschen Wetterprognosen bekannten Begriffe Lausitz oder Hoyerswerda schon mehr; da sind wir schon mitten im Kern Sorbiens, denn dieser besteht aus Nieder- und Obersorbien und liegt in den seit der Wiedervereinigung neu hinzugekommenen Ländern Brandenburg und Sachsen. Wenn noch die Hauptstädte davon Cottbus und Bautzen, süd- bis nordöstlich von Dresden gelegen genannt werden, dann sollte die Lage Sorbiens für alle klare Umrisse annehmen. Jetzt aber zum « Sorbischen », dessen Hintergründe uns besonders am Herzen liegen, seitdem wir überzeugte Vertreter bei unseren Anlässen empfangen durften. Es handelt sich um die Sprache oder besser gesagt Sprachen, die in dieser Gegend heute noch gepflegt werden.

Zur Geschichte des Sorbischen

Sorbisch ist eine sehr alte Sprache, die in das hohe Mittelalter zurückgeht und zu den westslawischen Sprachen gehört, die zwischen Deutschland, Polen und der Tschechei von heute angesiedelt waren. Die Geschichte der sorbischen Sprache ist sehr schicksalhaft. Jahrhunderte lang konnte sie sich frei behaupten, dann wurde sie bedrängt und unterdrückt, von den Preussen und Otto von Bismarck im Laufe von Germanisierungsprozessen sogar zeitweise verboten. Dann wurde der Gebrauch wieder gefördert und unterstützt wie zur Nazizeit und später zur Zeit der DDR zu Propagandazwecken benutzt, aber nicht wirklich als Minderheitssprache anerkannt.

Zur Problematik des Sorbischen heutzutage

Auf unserer Reise durften wir hautnah erleben, wie das Nieder- (NS) und Obersorbische (OS) miteinander auskommen. Das NS ist dem Polnischen und das OS dem Tschechischen verwandt, beides slawische Sprachen, die aber doch ziemliche Unterschiede aufweisen, etwa wie sie zwischen den romanischen Idiomen bei uns existieren. Da sind wir auch schon bei der Problematik: wie können sich unterschiedliche Minderheitssprachen in einem Land wie Deutschland auf die Dauer behaupten? Verstehen sich die Leute überhaupt untereinander, auch wenn sie Nachbarn sind, und ziehen sie am gleichen Strick, um ihre Identität zu gewährleisten?

Das ist der springende Punkt, der den aufmerksamen Besucher zuerst zu Skepsis und nach eingehender Beobachtung zu Optimismus anregt. Wie die Romanisch-Bündner alles daran gesetzt haben, um ihre Identität zu bewahren, indem sie sogar eine gemeinsame schriftliche Sprache, das Rumantsch Grischun entwickelt haben, so kämpfen die Nieder- und Oberlausitzer, wo NS und OS ansässsig sind, Hand in Hand, um ihre Rechte geltend zu machen und die Sprache nicht untergehen zu lassen. So konnten wir im Laufe unserer Reise einen sorbischen Kindergarten besuchen, wo uns Dreijährige mit einem erstaunlichen Ständchen erfreuten. Wir konnten uns ein Bild davon machen, wie lebendig die Sprache an diese zum Teil nicht sorbischen Kinder übermittelt und wie die Zweisprachigkeit ernsthaft gepflegt wird, sodass bei uns die Überzeugung entstand, dass nicht alles verloren ist in Bezug auf die Erhaltung dieser wertvollen uralten Sprachen.

Ein anderes Beispiel der Lebendigkeit des Fremdsprachunterrichts wurde uns am niedersorbischen Gymnasium in Cottbus offenbar. Auch hier lernen junge Leute sorbischen und nicht sorbischen Ursprungs nebeneinander diese schwierige Sprache, weil sie sich der Bedeutung der zwei- und Mehrsprachigkeit sehr wohl bewusst sind. So konnte unsere dynamische Präsidentin, Christine Le Pape Racine, der wir diese lehrreiche Reise verdanken, diese jungen Leute zu ihrem Mut und Engagement beglückwünschen und sie in ihrer Wahl, diesen Weg einzuschlagen noch bekräftigen, auch wenn dies mit viel Mehrarbeit verbunden ist. Der Vorteil im Erlernen des Sorbischen liegt für sie in der Öffnung dem Slawischen gegenüber, was natürlich für diese jungen Leute sehr interessante Aussichten eröffnet.

Die Anstrengungen um die Erhaltung des Sorbischen werden zum Glück von verschiedenen Institutionen wie der « Domovina » (= Heimat) oder WITAJ (= Willkommen) sowie von den Kirchen, der evangelischen fürs NS und der katholischen fürs OS, getragen und von den Ländern unterstützt. Ohne die Begeisterung und das Engagement von Personen jedoch wie dem jetzigen und dem ehemaligen Rektor des niedersorbischen Gymnasiums in Cottbus und anderen tatkräftigen von ihrem Ideal überzeugten Persönlichkeiten sähe es für die Erhaltung dieses Kulturerbes sicher düster aus. Hier haben wir wieder Parallelen mit dem Kanton Graubünden, wo sich auch Pioniere und Wissenschaftler für die Förderung unserer Sprachminderheiten mit Rat und Kraft einsetzen und sich das Ergebnis sehen lässt.

Die Städte Cottbus und Bautzen

Neben diesen Sprachproblemen, die uns verständlicherweise äusserst stark interessierten, konnten wir auch die Eigentümlichkeiten der Landschaften entdecken. Die Stadt Cottbus in der Niederlausitz ist eine mittlere Grossstadt und bietet ausser einem sehr interessanten sorbischen Museum und einer mehr als sehenswürdigen Bibliothek - die nebenbei gesagt, dem Schweizer Architekturbüro Herzog und De Meuron zu verdanken ist - und einem interessanten, auf einem Hügel zu Abwehrzwecken errichteten Schloss wegen der Zerstörung im 2. Weltkrieg nicht so viele Sehenswürdigkeiten wie Bautzen in der Oberlausitz. Bautzen ist zwar nur halb so gross, dafür in seiner Altstadt ausgestattet mit zahlreichen Türmen und interessanten Gebäulichkeiten. Letztere verdient wirklich einen Abstecher, dort befindet sich auch das Zentrum zur Förderung des Sorbischen und ebenfalls ein sehr reichhaltiges Museum für alle, die sich für die Zeugnisse dieser überaus lebendigen Zivilisation interessieren.

Zur Landschaft der Niederlausitz

In der Nähe von Cottbus erstreckt sich auch der Spreewald in Richtung Berlin, ein beliebtes Ferien- und Ausflugsziel, wo die Spree in zahlreichen Mäandern ihren Weg zieht und unzählige Kähne von Hand, wie in Venedig angetrieben, die Besucher verzaubert und begeistert. Nicht weit davon gibt es nach andere seltene Merkmale in dieser Landschaft, die die Naturfreunde sicher weniger ansprechen wird. Energiegewinnung und Technik gehören jedoch auch zum täglichen Leben, und so sind dort Anlagen des Tagebaus entstanden, wo heute noch Braunkohle gefördert wird, was riesige Einschnitte in die Landschaft nach sich gezogen hat und Hunderte von Dorfverpflanzungen zur Folge hatte. Diese Art von Energieerzeugung geht auf Jahrhunderte zurück und soll, wie uns bei einer eindrücklichen Besichtigung gesagt wurde, weniger Schadstoffe ausstossen, auch wenn man anderer Meinung sein könnte beim Anblick der zahlreichen Kühltürme, die die Landschaft mitgestalten. Ein Besuch in diesem eher unbekannten Landstrich lohnt sich aus all den beschriebenen Gründen allemal.

Ich hoffe mit meinem Artikel die Neugier und das Interesse des einen oder andern geweckt zu haben, uns APEPS-Mitgliedern bleibt eine unvergessliche Woche als Erinnerung, die uns in unserer Gewissheit bestärkt, dass Zwei- und Mehrsprachigkeit von Kindsbeinen an zum besseren Verständnis beitragen kann. Unser aufrichtiger Dank geht an alle Personen der Ober- und Niederlausitz, die uns so freundlich empfangen und uns einen eindrücklichen Einblick in ihre Lebensart und Problematik gestattet haben. Hoffen wir, dass sie unser Interesse für ihre Belange in ihrer Überzeugung bestärken und dass sie sich weiterhin für ein Kulturgut einsetzen, das unersetzlich ist!

Yves Andereggen, ehemaliger Mittelschulinspektor aus dem Wallis und Vorstandsmitglied der APEPS

Oktober 2011

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